Emissionsfrei auf der letzten Meile

Der Online-Handel erlebt weiterhin einen starken Anstieg. 53,6 Milliarden Euro Umsatz wurde 2018 in Deutschland im E-Commerce erzielt, 2008 waren es noch 12,6 Milliarden. 2020 werden voraussichtlich 100 Milliarden Pakete weltweit verschickt werden. Wenn man dann noch bedenkt, dass schon heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt, liegt das Problem auf der Hand: Der Lieferverkehr belastet die Innenstädte mehr und mehr. Auf ohnedies stark frequentierten Straßen sind zahlreiche Logistiker unterwegs, die Überlagerung von Individual- und Wirtschaftsverkehr verstopft die Fahrbahnen, Zusteller müssen in zweiter Reihe parken und treiben die Schadstoffbelastung weiter in die Höhe. Die in vielen Städten drohenden oder schon umgesetzten Dieselfahrverbote tun ein Übriges, die Situation für Logistiker weiter zu erschweren.

 

Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen ist Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. 2016 war er wissenschaftlicher Leiter der Zukunftsstudie „Letzte Meile“ im Auftrag des Automobilzulieferers ZF

StreetScooter: Welches sind aus Ihrer Sicht die konkreten Herausforderungen auf der letzten Meile?

Prof. Dr. Uwe Clausen: Das Güterverkehrsaufkommen ist lange vor allem aufgrund der arbeitsteiligen Wirtschaft und der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung gestiegen. Seit gut einer Dekade steigt es in der Konsumgüterlogistik insbesondere auch durch E-Commerce. Dies geschieht zu einer Zeit, wo die innerstädtischen Verkehrswege ohnehin schon, insbesondere in den Metropolen, stark belastet sind. Vor allem wenn es zu einer Überlagerung von Lieferverkehr und motorisiertem Individualverkehr kommt, erleben wir Staus. Zugeparkte Lieferzonen einerseits, Lieferverkehr in zweiter Reihe andererseits beeinträchtigen die Effizienz und die Verkehrssicherheit.

 

 

Welche Herausforderungen stellt das an Logistiker?

Durch Urbanisierung und die Flächenkonkurrenz in Städten ergeben sich allgemein viele Herausforderungen, die durch regional unterschiedliche Anlieferzeiten und –regeln sowie gegebenenfalls Fahrverbote noch verschärft werden. Der Zeitaufwand nimmt zu und die Kosten steigen. Auch die Kraftstoffverschwendung durch zähen Verkehr oder durch Parksuchverkehr ist negativ.

Welche Lösungen sehen Sie für diese Probleme heute und in Zukunft?

Es gibt eine Vielzahl von planerischen und technologischen Lösungsansätzen. Ein wesentlicher Ansatz sind ganzheitliche Mobilitäts- und Logistikkonzepte für unsere Städte. Dabei benötigen wir einen höheren Anteil von flächeneffizientem und umweltfreundlichem öffentlichen Verkehr. Flächen für das Parken von Pkw müssen teurer werden. Radwege und Lieferzonen müssen von Pkw freigehalten werden.

Und was können die Logistiker selbst tun?

Exzellente Logistik geht mit verlässlichen Abläufen, guter Datenlage, sauberen und gut dimensionierten Fahrzeugen einher. Die Kommunikation zwischen Händler, Logistik und Kunden gilt es weiter zu verbessern. Die Digitalisierung bietet gute Chancen, Service und Produkte, Produktbeschreibungen und -verfügbarkeit, die Auslastung der Fahrzeuge und ihre Touren, die Lieferavis an Kunden und die Logistik im Allgemeinen weiter zu verbessern.

 

 

Inwieweit kann E-Mobilität zur Lösung dieser Probleme beitragen?

Elektrisch angetriebene Fahrzeuge sind lokal emissionsfrei und leise. Für Touren im City-Bereich sind die erzielbaren Reichweiten oft ausreichend. Es spricht viel dafür, dass wir im Wirtschaftsverkehr in Städten in den kommenden Jahren mehr E-Fahrzeuge sehen werden.

Die Deutsche Post hat über 9000 elektrisch angetriebene StreetScooter im Dienst. Auch andere Logistiker haben einige E-Fahrzeuge in Betrieb. Was sind aus Ihrer Sicht die Hindernisse, um beim innerstädtischen Lieferverkehr noch mehr auf Elektromobilität zu setzen? Und wie kann man diese beseitigen?

Gerade bei größeren Flotten brauchen elektrisch angetriebene Fahrzeuge Investitionen in örtliche Ladeinfrastruktur. Daneben müssen Fahrer geschult und motiviert sowie die Touren- und Betriebsplanung angepasst werden. Batteriekosten dürften durch höhere Stückzahlen noch etwas günstiger werden. Daneben braucht es die Offenheit, neue Wege zu gehen, aus Erfahrungen zu lernen und wirtschaftliche Notwendigkeit mit lokalen Umweltvorteilen zu vereinbaren.

 

 

Über Prof. Dr. Uwe Clausen

Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen ist Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. 2016 war er wissenschaftlicher Leiter der Zukunftsstudie „Letzte Meile“ im Auftrag des Automobilzulieferers ZF.

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